Apples teuerster Lerneffekt
Apple hat mit dem Vision Pro die beeindruckendste Technik der Welt gebaut – und trotzdem fast niemanden damit erreicht. Was das über die Zukunft von XR verrät, ist spannender als das Headset selbst.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als Tim Cook die Vision Pro auf die Bühne brachte. Kein klassisches „One more thing". Stattdessen: eine neue Ära des Computing. Spatial Computing. Die Zukunft persönlich. Für schlappe 3.499 US-Dollar durfte man dabei sein. Spoiler: Die meisten haben dann doch lieber gewartet.
Und das war wohl keine schlechte Idee. Denn inzwischen verdichten sich die Zeichen, dass Apple intern bereits die Seiten gewechselt hat. Die Entwicklung neuer Vision Pro-Modelle wurde eingestellt, ehemalige Teammitglieder wurden auf andere Projekte umverteilt – unter anderem zu Siri. Und das Werbebudget für das Headset um mehr als 95 Prozent in wichtigen Märkten wie den USA und UK zusammengestrichen. Das klingt nicht nach „Wir glauben weiter daran." Das klingt nach einem geordneten Rückzug.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im Debütjahr 2024 verkaufte Apple rund 390.000 Geräte. Zum Weihnachtsquartal 2025 hin erwartete IDC gerade noch 45.000 neue Einheiten. Das ist kein Absatzproblem. Das ist ein freier Fall. Und der kommt nicht von ungefähr: Ein Headset, das schwer auf dem Gesicht liegt, eine externe Batterie braucht, kaum native Apps hat und mehr kostet als ein gebrauchter Kleinwagen. Das ist nun mal kein Produkt für die breite Masse. Morgan Stanley-Analyst Erik Woodring brachte es auf den Punkt: Preis, Formfaktor und der Mangel an nativen VisionOS-Apps seien die Hauptgründe dafür, dass der Vision Pro nie wirklich breit verkauft wurde.
Meine Meinung: Apple hat mit dem Vision Pro etwas Einzigartiges geleistet – und gleichzeitig einen klassischen Fehler gemacht. Das Gerät war eine technische Demonstration, kein Massenprodukt. Wunderschön gebaut, aber für einen Alltag entworfen, den kaum jemand tatsächlich lebt. Wie ein Konzeptauto auf der IAA: bewundernswert, aber niemand will damit zur Arbeit fahren.
Was jetzt kommt, ist deutlich interessanter. Apple arbeitet intern unter dem Codenamen N50 an KI-gestützten Smart Glasses – ohne Display, dafür mit Kameras, Mikrofonen und tiefer Apple-Intelligence-Integration. Reveal geplant Ende 2026, Marktstart 2027. Statt einem einzigen Modell testet Apple gleich vier verschiedene Frame-Designs, von breiten Wayfarer-Anleihen bis hin zur schlanken Tim-Cook-Optik. Das klingt weniger nach Sci-Fi und mehr nach: Ich will, dass du das Ding tatsächlich trägst. Beim Einkaufen. Im Meeting. Ohne dass deine Kollegen komisch schauen.
Das ist der eigentliche Strategiewechsel. Nicht vom Scheitern zum Aufgeben – sondern vom Showroom zur Straße. Apple hat mit dem Vision Pro gelernt, was Menschen nicht wollen. Jetzt baut das Unternehmen, was sie vielleicht wirklich tragen würden. Und das könnte am Ende der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Augmented Reality sein: der, bei dem die Technik aufhört, aufzufallen.
Foto: Kyu3a