Apple vs Android XR: Geschlossene Gesellschaft gegen offene Bühne

XR und KI

Ich halte die Vision Pro für den Moment, in dem Apple XR nicht erfunden, sondern in typischer Apple-Manier eingezäunt hat: hübsch geschniegelt, technisch beeindruckend, aber mit Türsteher am Eingang. Genau darin liegt für mich der eigentliche Gegensatz zu Android XR. Hier prallen nicht nur zwei Betriebssysteme aufeinander, sondern zwei Weltbilder: Apples nobles Privatgelände gegen Googles offene Markthalle.

Wenn ich auf den XR-Markt schaue, dann sehe ich nicht Apple als großen Befreier des Spatial Computing. Ich sehe eher ein Unternehmen, das spät kommt, viel Glanz mitbringt und dann versucht, das Spielfeld nach den eigenen Regeln umzubauen. visionOS ist laut Apple das System für die Apple Vision Pro, also für genau eine eigene Hardwarefamilie. Auch die App-Verteilung läuft klassisch über Apples kontrollierte Wege: App Store, Review-Regeln, Freigaben, kuratierte Distribution. Das ist das vertraute Apple-Prinzip, nur jetzt eben nicht auf dem iPhone-Bildschirm, sondern mitten im Raum. Technisch kann man das bewundern. Strategisch ist es eine geschlossene Gesellschaft.

Das Problem daran ist nicht nur philosophisch, sondern auch praktisch. Ein geschlossenes System funktioniert hervorragend, solange genug Menschen hineingehen wollen. Genau da wirkt die Vision Pro bisher aber eher wie ein teures Schaufensterstück als wie der Beginn einer Massenbewegung. Die Financial Times berichtete Anfang 2026, Apple habe Produktion und Marketing nach enttäuschenden Verkäufen deutlich zurückgefahren; genannt wurden rund 390.000 ausgelieferte Geräte 2024 und nur 45.000 neue Einheiten im Weihnachtsquartal 2025. Parallel beschrieb das Wall Street Journal frustrierte Frühkäufer, die über Gewicht, geringe Alltagstauglichkeit und ein zu dünnes App-Angebot klagten. Für mich klingt das nicht nach dem Gerät, das „Spatial Computing auf die Agenda gesetzt“ hat, sondern nach einem Prestigeprodukt, das an der Realität des Marktes abgeprallt ist.

Und genau hier wird Android XR spannend. Google beschreibt Android XR offiziell als „open, unified platform“ für Headsets und Brillen. Das ist der entscheidende Satz. Nicht ein Gerät. Nicht ein Hersteller. Nicht ein goldener Käfig. Sondern eine Plattform, die theoretisch von vielen Anbietern bespielt werden kann. Samsung ist schon an Bord, Google spricht offen über ein Ökosystem für Headsets, Brillen und weitere Formfaktoren, und bei Google I/O wurde sogar angekündigt, dass die Partnerschaft mit Samsung über Headsets hinaus auf Brillen ausgeweitet wird. Dazu kommen Partner wie Warby Parker oder Gentle Monster, also genau die Art von Netzwerk, aus dem irgendwann echte Produktvielfalt entstehen kann.

Noch wichtiger finde ich aber den Software-Unterbau. Auf den Entwicklerseiten beschreibt Google Android XR als flexible Plattform, auf der kompatible Android-Apps automatisch im Play Store verfügbar sein können, teilweise sogar ohne Anpassungen. Samsung wirbt bei Galaxy XR damit, dass Android-Apps „out of the box“ laufen. Das ist der alte Android-Trick, und genau deshalb ist er so mächtig: Die Plattform startet nicht bei null, sondern bringt ihren Werkzeugkasten, ihre Entwicklerbasis und ihre App-Geschichte gleich mit. Während Apple im XR-Bereich wieder sein eigenes nobles Paralleluniversum baut, versucht Google, XR an das größte mobile Software-Ökosystem der Welt anzudocken. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist der Unterschied zwischen einer schicken Boutique und einem ganzen Einkaufsviertel.

Natürlich heißt „offen“ bei Google nicht automatisch grenzenlos frei. Auch Android hat Regeln, Stores, Sicherheitsmechanismen und Machtzentren. Aber die Grundidee ist eine andere. Apple will die perfekte Experience aus einer Hand. Google will eine Plattform, auf der viele Hersteller, Preisklassen und Gerätekategorien wachsen können. Genau deshalb erinnert mich Android XR so stark an den Smartphone-Markt. Apple verkauft das Premium-Gesamtpaket mit maximaler Kontrolle. Android verteilt sich über viele Marken, viele Designs, viele Preise und oft auch über deutlich mehr Tempo im Markt.

Meine Meinung ist deshalb ziemlich klar: Die spannendere Wette im XR-Markt ist gerade nicht das schön abgeschlossene Apple-System, sondern die offene Android-Idee. Nicht, weil Android XR heute schon gewonnen hätte. Sondern weil Plattformen meistens dann groß werden, wenn sie nicht nur glänzen, sondern sich vervielfältigen lassen. Apple kann ein beeindruckendes Gerät bauen. Google und seine Partner könnten eine Geräteklasse aufbauen. Und zwischen diesen beiden Dingen liegt ein gewaltiger Unterschied.

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