Der Schwan greift an

XR und KI

Picos „Project Swan" will Apple Vision Pro vom Thron stoßen. Die Specs klingen nach ernsthafter Konkurrenz

Ich muss zugeben: Wenn ich „Pico" höre, denke ich zuerst an den kleinen Bruder im Regal neben dem Quest. Solide, günstig, irgendwie immer leicht unterschätzt. Aber was ByteDance gerade mit „Project Swan" ankündigt, klingt nicht mehr nach kleinem Bruder. Das klingt nach einem Angriff.

Anfang März hat Pico offiziell die technischen Eckdaten seines neuen High-End-Headsets enthüllt. Und die haben es in sich. Die „neue Generation" Micro-OLED-Displays liefern 4000 Pixel pro Zoll und eine Auflösung von durchschnittlich 40 Pixeln pro Grad. Mehr als die Apple Vision Pro. Zum Vergleich: Die Vision Pro gilt bislang als die schärfste Darstellung, die ein VR-Headset je geliefert hat. Scharf genug, um Texte auf virtuellen Bildschirmen wie auf echtem Papier wirken zu lassen. Project Swan will das noch toppen. Stell dir vor, du setzt eine Brille auf. Das Bild vor dir sieht schärfer aus als das, was deine nackten Augen gerade wahrnehmen. Genau das ist das Versprechen.

Dazu kommt ein Dual-Chip-System: Der Haupt-Prozessor soll doppelte CPU- und GPU-Leistung gegenüber dem aktuellen Snapdragon XR2 Gen 2 liefern. Dem Chip, der heute sowohl in Pico 4 Ultra als auch in Metas Quest 3 steckt. Und ein eigens entwickelter Ko-Prozessor kümmert sich mit zwölf Millisekunden Latenz um Bildverarbeitung und Passthrough. Exakt die gleiche Zahl, mit der Apple seinen R1-Chip bewirbt. Pico sagt damit ganz klar: Wir spielen jetzt in dieser Liga.

Was mich aber fast noch mehr fasziniert als die Hardware, ist das Betriebssystem. Pico OS 6 mit dem sogenannten Pico Spatial Engine erlaubt es, 2D- und 3D-Apps gleichzeitig nebeneinander laufen zu lassen – mit echter Welt oder virtueller Umgebung als Hintergrund. Das klingt technisch trocken, ist aber im Alltag ein riesiger Unterschied: Ich kann ein Spiel starten und trotzdem den Browser offen lassen. Kein ständiges Rein und Raus aus Apps. Bisher kann das unter VR-Systemen nur Apples visionOS. Das kostet 3.500 US-Dollar. Meiner Meinung nach ist genau dieser Punkt der interessanteste: Pico baut nicht nur bessere Hardware, sondern versucht, das Software-Denken von Apple zu kopieren – und es günstiger anzubieten.

Natürlich gibt es noch offene Fragen. Preis? Unbekannt. Genauer Erscheinungstermin? Noch offen. Pico hat bislang eine geschlossene Beta für Entwickler und XR-Experten geöffnet. Wer mitmachen will, kann sich über ein ByteDance-Formular bewerben. Und dann ist da noch das politische Elefant-im-Raum-Thema: ByteDance, der Mutterkonzern hinter TikTok, kämpft in den USA gerade an mehreren politischen Fronten. Ob Project Swan in Nordamerika überhaupt an den Start geht, ist alles andere als sicher.

Aber eines ist klar: Das XR-Rennen 2026 ist nicht mehr das gemütliche Duell zwischen Apple und Meta. Da kommt ein Schwan aus China. Der wirkt verdammt hungrig.

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